Wenn wir dies nicht tun, lassen wir die
vielen anderen inneren Impulse, die auch gerade
auf Sendung sind, zu unseren inneren Stimmen werden.
Das können Erwartungen sein, auf die man
sich versteift hat und die man nur schwer loslassen
kann. Oder es können erlernte Verhaltensmuster
sein, die uns beispielsweise sagen, lieb sein zu
müssen, anstatt klar unsere Grenzen zu zeigen. Es
gibt eine Fülle an solchen Impulsen, die einen klaren
Empfang stören und in den eigenen Entscheidungen
irreführend sein können. Ein Beispiel dafür
sind unsere psychobiologischen Mechanismen, die
durch bestimmte Reize ausgelöst werden und unsere
mediale Wahrnehmung beeinflussen können.
Deren verfälschende Auswirkung möchte ich im
Folgenden aufzeigen.
Jeder kennt das heimelige Gefühl von Vertrautem,
Einschätzbarem und Gewohntem. Sobald aber etwas
Unbekanntes und Fremdes auftaucht, ist unser System
in besonderer Alarmbereitschaft, da es ständig
auf der Hut ist und uns vor Gefahren schützen will.
In Untersuchungen mit drei bis vier Monate alten
Babys hat man beispielsweise herausgefunden, dass
sie auf den Klang einer fremden Sprache mit einer erhöhten
Gehirnaktivität reagieren. Es sind nun nicht
etwa Regionen im Gehirn aktiv, die für die Verarbeitung,
Zuordnung oder das Erlernen von Sprache
zuständig sind, sondern Regionen, die Aufregung
und Alarmbereitschaft anzeigen. Im Gegensatz zum
«Fremdeln», das charakteristisch für eine Entwicklungsphase
ist, die erst später im Leben des Babys
zutage tritt, ist dieser innere Aufruhr des Babys von
aussen nicht wahrnehm- und beobachtbar, sondern
nur mit modernen Verfahren zu erfassen. Allein der
unbekannte Klang löst diese Reaktion aus, ganz unabhängig
von der Intention des Sprechers; also davon,
ob tatsächlich eine Gefahr besteht oder nicht.
Psychologisch betrachtet ist es ein natürlicher Vorgang,
dass wir schon früh damit beginnen, alles in
unserer Umgebung einzuordnen in Dinge, die wir
kennen und mit denen wir uns identifizieren, weil
sie zu unserer Umgebung gehören und in solche, die
neu hinzukommen und uns fremd sind. Die erhöhte
Aktivität bestimmter Gehirnregionen ist somit das
Ergebnis der unbewussten Bewertung des Wahrgenommenen.
Zu Zeiten, als der Schutz des eigenen Stammes existenzielle
Bedeutung hatte, bedeuteten fremde Stimmen
erfahrungsgemäss öfter eine Bedrohung. Dass
unser System dennoch auch heute noch automatisch
Gefahr signalisiert, verdeutlichen die menschlichen
Mechanismen, die in uns wirken, ohne dass wir uns
wirklich bewusst darüber sind. Man kann davon ausgehen,
dass diese Mechanismen während unserer
gesamten Lebenszeit von Bedeutung für unser Befinden
beziehungsweise für die Einschätzung von
Situationen und Gegebenheiten sind. Auch wenn wir
als Erwachsene andere Möglichkeiten haben, unser
Gegenüber oder was auch immer wir gerade wahrnehmen,
einzuschätzen, kann das Fremde immer
noch ähnliche psychobiologische Reaktionen auslösen,
die unsere Wahrnehmung beeinflussen und das
Wahrgenommene verfärben können.

Stellen Sie sich
einmal vor, es
wurde Ihnen eine
neue Herausforderung
in Ihrer
Arbeit angeboten
und Sie möchten
nun hineinspüren,
ob es stimmig für Sie wäre, sie anzunehmen. Sie
bekommen eine Gänsehaut und Herzklopfen - Unruhe
und Adrenalin machen sich in Ihnen breit. Diese
körperlichen Signale für etwas Bedrohliches fühlen
sich unangenehm an, was dazu führen kann, dass
Sie sie negativ bewerten, weil sie für etwas Bedrohliches
stehen und Sie davon ausgehen, dass Ihnen
Ihre neue Aufgabe nicht gut tun würde.
Auch umgekehrt kann ein vordergründiges Wohlgefühl
beim Hineinspüren irreführend sein, denn nicht
alles, was eine erste angenehme Reaktion auslöst,
muss wirklich gut tun. Im achtsamen Umgang mit
unserer medialen Feinfühligkeit ist es hilfreich zu
wissen, dass wir unbewusst nicht nur das Fremde
scheuen, sondern auch, dass wir uns allzu gern in
Gewohntes hineinfallen lassen, weil es sich vordergründig
gut anfühlt. Wir ordnen es ein in die Kategorie
Vertraut und Einschätzbar, in der wir uns wohl
fühlen und nehmen uns dadurch vielleicht die Chance,
etwas Neues und eventuell noch viel Schöneres
kommen und geschehen zu lassen.
Nachdem wir nun wissen, dass man seinem ersten
Gefühl nicht immer unbedingt trauen kann, stellt
sich die Frage: Wie ist es dennoch möglich, aus einer
klareren Sicht heraus die Wahrhaftigkeit wahrzunehmen?
Der erste Schritt auf dem Weg zu einer genaueren
Wahrnehmung ist die Bewusstwerdung darüber,
was augenblicklich im eigenen Inneren geschieht
und dadurch wirkt. Genau das ist es, was man für
einen wirklich nützlichen Umgang mit der eigenen
Medialität benötigt: Zu wissen, wann man seiner
Wahrnehmung trauen kann und wann nicht. Sobald
Sie sich also beispielsweise darüber bewusst sind,
dass die Reaktionen Ihres Körpers vielleicht nur ein
Zeichen dafür sind, dass etwas Neues und bislang
Unbekanntes mit Ihrer Herausforderung zu tun hat,
können Sie einen ersten Abstand dazu nehmen, um
das Wahrgenommene differenzierter zu betrachten.
Doch allein das Wissen über die inneren Mechanismen
reicht nicht aus, wenn man lernen möchte, sich
auf seine medialen Sinne zu verlassen. Der nächste
Schritt wäre, in einen tiefen Kontakt zu sich und zu
seinem eigenen Körper zu kommen, um das, was
im Inneren geschieht, auch spüren zu können. Sich
selbst durch das Fühlen kennen zu lernen und das
Leben durch diesen erweiterten Zugang tiefgehender
erleben zu können, ist eine der spannendsten
und erfüllendsten Entdeckungsreisen, die uns das
Leben bietet. Auf dieser Reise geht es nicht darum,
schnell zu einem Ergebnis beziehungsweise einer
Entscheidung zu kommen, sondern einzig darum,
wahrzunehmen, was wirklich ist. Und wenn wir
dabei die Entdeckung machen, dass wir uns der
Wahrheit über eine bestimmte Sache gerade nicht
bewusst sind, dann ist dies die Erkenntnis, die der
Augenblick für uns bereithält. Wie jede Erkenntnis
birgt auch sie die Schönheit und die tiefe Klarheit der
Wahrhaftigkeit und bringt uns somit unserem eigenen
Kern näher. Sie ermöglicht es, nicht vorschnell
aus dem momentanen Gefühl heraus zu reagieren,
sondern bewusst zu handeln.
Dies war nur ein kleiner Auszug aus der grossen
Bandbreite an möglichen Mechanismen, die unsere
mediale Wahrnehmung beeinflussen können. Die
damit verbundenen Erkenntnisse können Sie auf dem Weg Ihrer persönlichen Entwicklung dazu inspirieren,
die Genauigkeit und Intensität Ihrer Feinfühligkeit
wachsen zu lassen, damit sie sich in ihrer
ganzen Pracht entfalten darf und Sie Ihre Wahrhaftigkeit
mehr und in jedem Moment leben können.
Rebecca Rosing ist eine Pionierin auf dem Gebiet der
Medialität. Sie entwickelte Methoden, durch die man
lernen kann, seiner Wahrnehmung zu vertrauen und
sie in Achtsamkeit zu entfalten. www.rebecca-rosing.de Ihr sehr empfehlenswertes Buch Die Einfachheit des
Seins - mein Weg zu einer neuen Medialität ist für Fr.
32.- zu beziehen beim BPV.
Rebecca Rosing kommt dieses Jahr am 19. März für
einen Vortrag, im April für ein viertägiges Basisseminar
und im Mai für den fünftägigen Kurs WahrFühlen WahrSehen, den sie dieses Jahr nur einmal
anbietet, exklusiv in Basel.
Infos zu ihren Veranstaltungen beim BPV finden Sie hier.
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